“Ich will nichts wegwerfen!”  ist eine wunderbar zu lesende Polemik von Alexandra von Knobloch. Das Lesen des Textes macht wirklich Spaß. Er richtig sich vordergründig gegen den Minimalismus kritisiert aber im Kern Heilversprechen und Absolutheitsansprüche aller Art:

“Das wahre Leben beginnt nach dem Aufräumen.“ Als ich diesen Satz jüngst in der emotion las, war ich richtig aufgebracht. Mit so einer Aussage unterstellt die Zeitschrift, Millionen Menschen hierzulande hätten kein Leben, nur weil sie nicht perfekt ordentlich sind.

Der Ordnungs- und Reduzierungswahn, den Ratgeber seit Jahren verbreiten, stört mich schon lange. Das liegt vor allem an den unrealistischen Heilsversprechen, die dem Aufräumen und Ausmisten zugeschrieben werden. Sie treiben immer absurdere Blüten.

Frau von Knobloch hat Recht. Wie bei allen Bewegungen und Ideen wird auch der #Minimalismus als einfacher Heilsbringer für das eigene Leben missinterpretiert und von einigen Protagonisten als die einzige wahre Alternative verkauft. Das ist nichts Neues. Das fängt beim diesjährigen Trend des Osterschmucks, der Wahl der Automarke an und hört bei dem Lebenstil der Veganer nicht auf. Immer und überall wird  Menschen erzählt, wir wären nicht perfekt oder moralisch anspruchslos, wenn wir etwas Bestimmtes nicht besitzen oder tun oder eben nicht tun. Kurz einmal Werbung schauen und eine Zeitschrift lesen und schon lebe ich grundsätzlich falsch.

Dieser flammende Appell gegen Beeinflussungen von außen, gegen den einen Königsweg für ein besseres Leben, gegen die einzige Lösung, um ein zufriedener, ausgeglichener Mensch zu sein, ist ironischer weise ein einziger Appell für einen praktischen Minimalismus. Alle  ausgeführten Argumente im Artikel gegen das Aufzwingen vom perfekten und richtigem Lifestyle und Konsumtrends sind Ur-Minimalistisch.

Niemand behauptet, durch Ausmisten alleine werden Ehen gerettet. Wenn das Silberbesteck positive Erinnerungen weckt oder das jährliche Putzen meditative Erfahrungen bietet, dann ist es natürlich richtig es zu behalten!

Und ja, beim Aussortieren kann es passieren, dass Dinge weggegeben werden, die hinterher vermisst werden. Das ist ein Risiko. Der Umkehrschluss, deshalb alles zu behalten und nichts auszumisten  ist problematischer. Deshalb findet sich bei  Minimalistin ja oft der Hinweis, nichts zu überstürzen, nicht unbesehen ganze Kartons wegzuwerfen, sondern jeden Gegenstand in die Hand zu nehmen und sich zu fragen: “Benötige ich den Gegenstand oder liegt er mir am Herzen?”.  Wenn Ausmisten im einem Rutsch nicht passt, dann eben die Langstrecke. Was sollte dagegen sprechen? Minimalismus bedeutet auch. jeder in seinem eigenem Tempo.

In Bezug auf sinnvolle und notwendige Gegenstände hat Frau von Knobloch den Minimalismus vollkommen fehl- und überinterpretiert.  Auch Socken wollen nicht “geliebt”, sondern weil nützlich getragen werden.

Die Fotoalben für das Altersheim aufheben statt Raum für Schuhe zu schaffen. Genau dies ist  ein Teil des praktischen Minimalismus, bewusst zu überlegen, was ist mir wichtig? Erinnerungen und emotional wertvolle Dinge oder Platz für die zum neusten Modetrend passende Schuhe?

Ordnung und Minimalismus in Kombination sind spannende Themen. Natürlich kann Aufräumen als  Schritt sehr hilfreich sein und ist auch notwendig um erstmal einen Überblick zu bekommen. Darüberhinaus gilt aber auch: Wenn es  nur einen organisierten Zufluss von Dingen gibt und keinen organisierten Abfluss, wird jede Wohnung und jedes Regal oder Schrank irgendwann zu klein und damit zwangsläufig unordentlich.  Denn der vorhandene Raum ist die begrenzende Größe.  Im Übrigen erlaubt Minimalismus einen deutlich höheren Grad an Unordnung und Chaos. Je weniger Gegenstände unterzubringen sind, desto weniger durch optimiert müssen Aufbewahrung und  Lagerung sein,

Was in der Kritik vollkommen fehlt, ist der Aspekt, dass Minimalismus Raum und Zeit für Neues und Wichtiges schaffen kann.  Warum nicht  auf Schuhe kaufen verzichten, um die Zeit zu haben, die zwei Kisten Fotoalben vor dem Altersheim genüsslich durch zu schauen und die Ereignisse Revue passieren zu lassen?

Offensichtlich wird die Fremdbestimmung durch äußere Trends der  Autorin zu viel. Wunderbar minimalistisch! Hoffentlich behält die Autorin auch beim nächsten Trend und der nächsten Modewelle ihr Streben nach Autonomie und Selbstbestimmtheit aufrecht! Weiter so!